Atomkraft, Männlichkeit und die alternde Gesellschaft

Folgende These: dass wir in Deutschland so über die Atomkraft streiten, liegt daran, dass wir eine alternde und zunehmend verfeminierende Gesellschaft sind. Männliche, junge Staaten, so wie Frankreich sehen das mit der Atomkraft gelassener.

So zumindestens Dr. Adam Soboczynski in der Zeit, seines Zeichens Träger des Axel-Springer-Journalistenpreises. Er bezieht sich zur Untermauerung seiner These z.B. auf Filippo Tommaso Marinetti, “italienischer Schriftsteller, faschistischer Politiker und Begründer des Futurismus” (Wikipedia) Auszüge aus dem Zeit-Text:

Das Reden über die Atomkraft ist unverkennbar eines über die männliche Sexualität. Man wartete, als die Katastrophe in Fukushima sich abzeichnete, mit Bangen auf die Explosion wie auf eine orgasmische Entladung. Glühende Brennstäbe ragten aus dem Wasser, es galt, sie rasch abzukühlen. In den sogenannten Abklingbecken durften wiederum alte Brennstäbe sich nicht erneut erhitzen. Man sah Feuerwehrmänner mit schweren Schläuchen die Reaktoren abspritzen. Nun wird unablässig gekühlt und bewässert, wie um ein nur schwer zu bändigendes Begehren in den Griff zu kriegen.

[…]

[…] Während bekanntermaßen in Amerika und in Frankreich – beides Länder mit vergleichsweise hoher Geburtenrate – das nukleare Desaster in Japan auf ziemlich geringes Interesse stieß, wurden hierzulande binnen weniger Tage Atommeiler abgeschaltet, und […] Alice Schwarzer, 68, klagt einen sexuell umtriebigen Wettermoderator an.

Man setzt in der neuen grünen Bundesrepublik eben auf Sonne, Wind, Weiblichkeit und hohes Alter. Renate Künast, jugendliche 55, kandidiert in Berlin für das Bürgermeisteramt und plädierte sogleich für die Einführung von Tempo 30 in der Hauptstadt, damit man gefahrlos auch mit Hüftschaden jede Straße passieren kann. Jene aufheulenden Autos, die noch Marinetti besang und in denen heute nur noch junge Männer aus geburtenstarken anatolischen Familien in Kreuzberg sitzen, sollen endlich genauso der Vergangenheit angehören wie deutsche Atommeiler.

Da kann man der Zeit nur gratulieren, zu so was.

(Quelle: Die Zeit, via stilstand)

ZDF – Risiko – Atomkraft – Contergan

Manchmal ist es schon erstaunlich: wer sich für alternative Energien einsetzt und keine Atomkraft mehr will, der ist fortschrittsfeindlich. So sagt es Dr. Wolfgang Herles, seines Zeichens Redaktionsleiter “Aspekte” beim ZDF. Und warum? Weil man dann aus Katastrophen nichts mehr lernen kann:

Jeder technologische Fortschritt in der Geschichte der Menschheit wurde begleitet von Katastrophen. Aus allen haben die Menschen gelernt – aus dem Untergang der Titanic, aus Contergan, aus Tschernobyl. Vermeidbar waren alle Katastrophen und dennoch am Ende nützlich.

Schön für die Contergan-Opfer: keine Arme, aber das war nützlich. Verstrahltes Tschernobyl: sehr hilfreich. Und gerade die Titanic – was wäre die Welt ohne die tausende Leute, die da gestorben sind. Ein langweiliger Film wäre nicht gedreht worden.

Was mich interessiert: was hat Dr. Herles aus Tschernobyl gelernt, wenn er so vehement für die Kernkraft eintritt (mit falschen Argumenten btw.)? Wahrscheinlich, dass es günstiger ist, wenn Kernkraftwerke woanders hochgehen. Aber das wäre ja ein Grund für die Abschaltung hierzulande.

Wer noch einen berauschenden Text lesen möchte von einer Französin, die sagt, dass wir nur Angst haben und sie das nicht verstehen kann, denn die Franzosen haben keine Angst und damit sind die Kernkraftwerke sicher: bitte zum Spiegel durchtreten. Brüller des Artikels:

Nun diskutieren die Deutschen seit langem die Risiken der Atomkraft, vielleicht auch zu Recht. So hitzig die Diskussion aber auch war, bislang zählte dabei meist das Argument – doch zur Zeit regiert die Panik. Als Französin kann ich das nur reichlich übertrieben finden.

Vielleicht kennt die Autorin ja ein paar stichhaltige Argumente der Befürworter, die bisher galten. Auch interessant, wie damit die Laufzeitverlängerungen in Einklang gebracht werden können. Aber egal: Hauptsache behauptet.

(Quellen: ZDF, Spiegel, via stilstand, bildblog)

Eine der vielen sehr lesenswerten Antworten beim ZDF-Blog möchte ich beispielhaft zitieren (sie ist von Bernd Brockhoff):

Vielleicht hat sich unser Herrgott ein paar Naturkräfte vorbehalten, von denen wir Menschen besser die Finger lassen sollten. Kernspaltung gehört auf alle Fälle dazu. Und weil wir die Finger denn doch nicht davon lassen, gibt uns der Große Steuermann von Zeit zu Zeit eine auf den Deckel, in dem Fall sogar gewaltig. Das ist dann das berühmte “Restrisiko”. Die Frage ist allerdings, wer das Risiko trägt und wie hoch dieses ist.

Als die Titanic unterging waren die Opfer dieses Risikos diejenigen, die als Passagiere sich zumindest bewußt sein konnten, daß der Pott auch untergehen kann (obwohl es hieß, sie sei unsinkbar). Waren deswegen aber auch die Menschen auf Neufundland in Gefahr, in dessen Nähe die Titanic sank? Nein! Und die Hindenburg? War ganz New York in Gefahr, als das Luftschiff in Lakehurst explodierte? Nein! Was ist mit Eschede? War der Großraum Hannover gefährdet, als der ICE entgleiste? Wiederum nein! Die Liste läßt sich vielfach forsetzen.

Technik ist immer mit einem Restrisiko behaftet, aber man muß schon die Unterscheidung zwischen einem überschaubaren und einem superkatastrophalen treffen, das völlig Unbeteiligte mit sich reißt. Während die Katastrophen der Titanic oder Hindenburg heute nur noch die Historiker plagen, werden Tschernobyl und Fukushima auch noch den Zukunftsforschern Kopfzerbrechen bereiten. Hier kann man den Begriff “Moral” ansetzen und fragen, ob es “moralisch” ist ganze Generationen nach uns mit den dann immer noch akuten Gefahren längst vergangener Katastrophen zu konfrontieren. Die werden ihre Vorfahren als Atommessis verfluchen, uns als Energievandalen in den Geschichtsbüchern mit Verachtung anführen.

Wem das alles wurscht ist, wer alles beiseite wischt und mit dem Hinweis auf eine Zukunftstechnologie, die das schon alles irgendwie bereinigen wird, unverhohlen weitermacht, ist zynisch, dumm und feige und zudem zu faul und bequem sich mit der Herausforderung einer echten Energiealternative ins Zeug zu legen.

Die Mehrheitsmeinung und andere falsche Argumente

In politischen Debatten, gerade auch der letzten Zeit, wird oft die Mehrheitsmeinung als Grundlage politischer Entscheidungen angepriesen. Dabei wird entweder die Meinung der “schweigenden” Mehrheit angebracht oder auch die Mehrheitsmeinung laut “repräsentativen” Umfragen. Beispiele:

  1. Guttenbergs unglaubliche Beliebtheit
  2. Sarrazins wirre Thesen
  3. Ablehnung der Atomkraft

Was für ein Unsinn.

Entweder ich habe gute Argumente, gerne auch durch Fakten untermauert – oder nicht. Erst im letzteren Fall muss ich auf unbewiesene “Mehrheiten” zurückgreifen. Und schade damit auch einer guten Sache, da sich Argumente der Gegenseite zufrieden mit dem Mehrheits-Argument auseinandersetzen können, ohne auf die Fakten eingehen zu müssen.

Denn Politiker werden nicht dafür gewählt, Mehrheitsmeinungen zu vertreten. Im Gegenteil, sie sind mit viel Geld und gesetzlicher Grundlage in der Lage, unabhängig zu entscheiden, nur ihrem Gewissen verantwortlich. Das heißt, sie soll(t)en tun, was richtig ist, nicht, was die meisten wollen.

Beispiel 1 – Guttenberg: er hat gelogen und betrogen. Unabhängig davon, dass er beliebt war und die Mehrheit der Deutschen ihn immer noch liebt und im Amt halten möchte – ein Lügner und Betrüger hat nichts in der Politik zu suchen (obwohl das in der gelebten Realität anders aussieht – real existierende Demokratie).

Beispiel 2 – Atomkraft: die ist schlecht und unkontrollierbar. Die Risiken sind kaum abzuschätzen und ein größerer Störfall kostet mehr als aller billiger Strom zuvor. Außerdem ist der Müll nicht wegzuschaffen. Daher muss die Politik dafür sorgen, dass Kernkraft verschwindet. Bei solchen Fakten – warum die Mehrheitsmeinung der Deutschen als Argument anbringen? Damit die Befürworter zu Recht darauf hinweisen können, dass Politik manchmal auch unpopulär sein muss. Und so einen Ausweg schaffen, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen?

Auch andere, gut gemeinte Argumente fallen in die gleiche Kategorie. Beispiel reizzentrum, sorry, aber das muss sein 🙂 :

Was Frau Merkel anscheinend komplett ausblendet (wohl zu viel Kontakt zu nordafrikanischen Despoten), dass sie eben keine Staatratsvorsitzende der BRD ist, sondern “nur” Bundeskanzlerin. Bei uns im Westen funktioniert das mit den Gesetzen, parlamentarischer Mitbestimmung und all solch Dingen, die bei Wahlkampfmanövern im Wege stehen.

Mööp. Verloren.

Richtiges Argument: man muss auch als Kanzlerin das Parlament und die Gesetze achten.

Falsches Argument: die weiß das nicht, weil sie aus dem Osten kommt. Außerdem ist bei uns (im Westen) sowieso alles besser.

So gut gemeint das falsche Argument ist, es ist einfach zu widerlegen, und damit ist die ganze Argumentation hinfällig. Schade eigentlich, denn inhaltlich hat das reizzentrum recht, argumentativ nicht.

Und so ärgert es mich öfter, wenn Politiker, Wissenschaftler, Journalisten, Blogger, etc. mich mit blöden Argumenten überzeugen wollen, wo sie doch bessere haben. Und ich möchte halt Argumente haben, keine Polemik.

Zwei Gedanken zu AKW

Der erste: Atomkraft ist nicht beherrschbar. Das sieht man an Japan sehr gut: die haben an alles Mögliche gedacht und versucht, das sicher zu machen (OK, nicht ganz, aber mehr als wir). Der Reaktor hat sich auch (wahrscheinlich) korrekt abgeschaltet. Es hat nichts genutzt.

Im Unterschied zu allen anderen Technologien ist das Problem: wenn was passiert (und es kann immer was passieren, sieht man ja), also: wenn was passiert, dann war’s das. Man kriegt es nicht unter Kontrolle. Und wenn doch, dann mit katastrophalen Folgen, die jahrelang (und wir reden hier über Zeiträume von mehreren tausend Jahren) bestehen bleiben. Und nicht weggehen.

Und jetzt warte ich darauf, dass irgendjemand mal offiziell mitbekommt, dass wir ein ähnliches Problem mit dem Atommüll haben. Dessen Entsorgung die Erzeuger des Mülls nicht(!) bezahlen müssen. Sondern der Staat!

Zweiter Gedanke: Die Atomindustrie kommt gut bezahlt aus dem Schlamassel raus. Die werden evtl. ein AKW abschalten, dafür Ausgleichszahlungen des Staates kassieren. Oder ein Detail modernisieren, das vom Staat subventioniert wird. Oder irgendwas Dreistes, was mir gerade nicht einfällt. Aber der Staat wird den Ausstieg von der Verlängerung vollständig finanzieren. Mark my words.