Andreas Rebers – enttäuschendes Kabarett für Doofe

Vor drei oder vier Jahren hatten wir schon einmal Karten für Andreas Rebers, ich war leider erkältet und konnte nicht hin. Daher ging I allein und kam begeistert zurück: Rebers erfand eine eigene Religion – es muss fantastisch gewesen sein.

Jetzt bot sich die Gelegenheit wieder, ihn zu sehen, also nicht lange gezögert und zugegriffen.

Was für ein sexistischer, rückwärtsgewandter, menschenverachtender Dreck, der auf unterstem Niveau “Probleme” anprangerte und einfachste Lösungen bereithielt. Wir waren nicht nur über Rebers enttäuscht, sondern auch über das Publikum, das offensichtlich nur darauf wartete, schenkelklopfend unterhalten zu werden und immer “so isses” rufen zu können.

Wir hatten überlegt, ob wir zur Pause gehen, aber ich hatte irgendwie noch die Hoffnung, dass Rebers zur zweiten Hälfte oder am Ende des Programms herauskommt und allen den Spiegel vorhält, worüber sie jetzt gelacht haben. Das war ein Fehler. Er meinte das alles ernst.

Bevor ich zum Inhalt komme, bei dem ich sicher schon die Hälfte wieder vergessen habe: ich hab mir die Inhalte nicht ausgedacht. Was ich schreibe, hat Rebers so gesagt und auch so gemeint. Keine ironische Brechung, kein Spielen mit Charakteren.

Worum geht es? Rebers möchte der politischen Mitte wieder Mut machen, in dem er sie zum Misstrauen aufruft. Vertrauen ist schlecht, nur Misstrauen ist gut.

Ein Problem sind zum Beispiel die Frauen. Die waren schon für die Erbsünde verantwortlich (nochmal der Hinweis: das meint der Ernst!) Und jetzt wollen sie eine Quote. Da können wir auch Stotterer die Verkehrsnachrichten vorlesen lassen. Oder Autisten als Tatortkommissare einsetzen.

Und überhaupt Frauen. Er hat als Nachbarin eine alleinerziehende Frau im Haus, Vegetarierin und Radfahrerin. (Das war der Brüller überhaupt. Vegetarierin – Bruhaha. Und Radfahrerin – der Saal konnte sich vor Lachen kaum halten. So ein gemeines, mieses Lachen – Ihr kennt das sicher.) Was hat ihm die Frau getan? Nun: vor allem drei Dinge:

  1. sie fährt Rad mit Helm.
    Das ist so schlimm, dass sich Herr Rebers in seinem Diesel auf Radstreifen stellen will, damit der Terror gegen Autofahrer endlich aufhört. In Amsterdam tragen die Leute keinen Helm – also ist doch klar, dass die Frau bekloppt ist und kein Hirn hat.
  2. sie möchte gerne Frieden haben
    Das ist so blöd, da fehlen die Worte. Sie denkt doch tatsächlich, dass Deutschland mit Rüstungsexporten aufhören könnte. Oder sich für Frieden einsetzen. Und benutzt statt “Deutschland” doch tatsächlich “wir”.Da ist nicht Herr Rebers mit gemeint, die Rüstung, das sind die Firmen, da hat Deutschland und insbesondere Herr Rebers nichts mit zu tun.
  3. sie möchte gerne, dass ein Kabarettist Haltung zeigt
    Das ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Denn sie will damit den Faschismus einführen, “Haltung” ist etwas Militärisches, dass direkt mit “Führer” zu tun hat.Ergo: Haltung = FaschismusUnd außerdem, wenn Herr Rebers auf der Bühne sagt, dass er den Syrienkrieg nicht gut findet, dann wird das die Kriegsparteien nicht stören. Also braucht er es nicht zu sagen und die Frau ist blöd, weil sie das erwartet. Sie hat doch einen Kopf, der ist rund, damit man Sachen von mehreren Seiten betrachten kann (das hat schon Dieter Hildebrandt gesagt). Aber sie hat ja sowieso kein Hirn, das haben wir schon festgestellt, weil sie Radfahrerin ist.

(Hab ich schon erwähnt, dass ich mir das ehrlich nicht ausdenke?)

Diesel.
Herr Rebers besitzt einen und fand erstaunliche Schimpfworte gegen Dieselfahrverbote, die ja nichts bringen. Dabei hat er festgestellt, dass er den Rechtsstaat ablehnt, ja, dass der Rechtsstaat das größte Problem in Deutschland ist.

Gleichberechtigung:
Gleichberechtigung ist, wenn man “respektvoll die Ungleichheit anerkennt”. Das bedeutet: man sollte sich endlich wieder über dumme und behinderte Menschen lustig machen. Das war früher so schön, wenn der Dorftrottel beim Krippenspiel “Melchior” nicht sagen konnte und alle haben gelacht und dann hat er einen Schnaps gekriegt und das war gut. Und seine Schwester ist auch behindert und die hat auch einen Schnaps gekriegt und war immer lustig und das war gut.

Außerdem sollte man sich endlich wieder über dicke Kinder lustig machen wie früher. Die hat man ins Tor gestellt und 100 Bälle drauf geschossen, alle haben gelacht und das war gut.

Wo wir grad bei Kindern sind: Erziehung sollte verstärkt auf Prügel setzen. Den Kindern eine schallern, das ist richtig und gut. Und wenn es fremde Kinder sind, sollte man ihnen auflauern und sie zusammenschlagen (oder zusammenschlagen lassen).

Nicht ausgedacht, so gesagt und so gemeint.

Ach ja: die AfD.
Die ist schlimm, Nazis auch. Aber man muss auch mal unbequeme Wahrheiten aussprechen können. Und das war nicht erlaubt und deswegen gibt es die AfD. Und das ist ein ostdeutsches Problem, denn die AfD-Wähler heißen Ronny und Chantal und Maik und …

Religion – die Buddhisten machen es richtig, die Bibel auch, der Islam eigentlich auch. Aber Religion ist auch schlimm. Und dann wieder gut. Ehrlich – das mit der Religion ist mir komplett undurchschaubar geblieben.

Dann noch ein paar Zoten übers Fremdgehen, über Legastheniker, dann hatten wir es fast hinter uns.

Dann kam die Zugabe und plötzlich wurde es gut, ein Lied über einen Schlachter und industrielle Tierhaltung und ein Abschlussinstrumental. Da war zu erahnen, was der Abend hätte werden können – etwas hintergründig, etwas albern aber gut. Ich vermute, das ist vor der Vereinfachung der Gedanken geschrieben worde, als Herr Rebers noch das Nachdenken, Überlegen und “von mehreren Seiten betrachten” betrieben hatte.

So haben wir einen sehr schwer erträglichen Abend hinter uns gebracht.
Im Nachhinein hätte wir nach der Pause gehen sollen, denn es wurde noch  schlimmer, aber ich hatte noch Hoffnung und hinterher ist man schlauer.

Das Programm war voller übler Schimpfworte und das fand Rebers auch niveaulos und dazu steht er. Das hat mich nicht gestört, die Niveaulosigkeit war in den Gedanken, nicht in der Sprache.

Wenn das die Gedanken der “Mitte” sind, dann ist das erschreckend. Denn die sind flach. Da sind keine Argumente oder Ideen, das ist nur nach unten treten, “früher war alles besser” und “wir nehmen sowieso zu viel Rücksicht”. Das aber nicht irgendwie im Ansatz begründet, sondern einfach in den Raum gestellt. Da kann man auch nicht gegen oder für argumentieren, denn dafür bräuchte es Argumente.

Dem Publikum hat’s gereicht. Denn ihm wurde Absolution für die niedrigsten, gemeinsten Ideen gegeben, Probleme sind von anderen gemacht und “wir” können da sowieso nichts machen.

Dabei auch noch Dieter Hildebrandt zu erwähnen – schlimm. Der Hildebrandt, den ich noch kenne, der hätte das Programm in der Luft zerrissen. Aber der hatte ja auch noch Haltung, war also ein Faschist.

Was ist das mit alten Männern, bevorzugt weiß, die sich plötzlich verfolgt fühlen und in ihre kleine, enge, vermoderte Welt zurückwollen, in der alles noch einfach ist – Frauen in der Küche, Behinderte zur Belustigung da, Kinder zum Schlagen.

Kritik: Dr. Mark Benecke

Wer kennt ihn nicht, Dr. Mark Benecke? Sieht nicht nur schillernd aus, hat auch eine schillernde Vergangenheit hinter sich – Experte für radioeins, davor lange Zeit bei RTL, kennt sich also in den Niederungen der menschlichen Natur aus.

Dr. Benecke gibt Vorträge zu Themen der Gerichtsmedizin, wir hörten bisher “Hitlers Schädel und Zähne” sowie “Professor Otto Prokop”.

Was soll ich sagen – es waren jeweils Klasse Abende, wir hatten mit Bedacht Abende herausgesucht, bei denen wenig krasse Bilder gezeigt wurden, das würde ich dann doch nicht vertragen.

Dr. Benecke erzählt mäandernd aber sehr nett und nachvollziehbar über seine Erlebnisse und Gedanken, im einen Fall zu seinem ersten Lehrmeister Otto Prokop, im anderen Fall über seine Reise zu Hitlers Schädel in den Kreml. Lehrreich, unterhaltsam, nachdenklich machend.

Wer die Chance hat, Dr. Benecke live zu sehen – geht hin!

Kritik: Der Nussknacker

Kann ja nicht alles nur Kino sein, zur Weihnachtszeit gehört ein Tschaikowski-Ballet zwingend dazu. Da die Staatsoper 2016 noch geschlossen war, musste der Nussknacker in der Deutschen Oper herhalten.

Die Inszenierung war leicht anders als in der Staatsoper, meinem Gefühl nach wesentlich kindgerechter, bunter, lustiger. Was für dieses Stück und die Weihnachtszeit auch nicht schlecht ist (ich schaue Dich an, Schwanensee-Inszenierung an der Deutschen Oper, die einem einen Stich ins Herz versetzt, wenn man merkt, dass es kein Happy-End geben wird, so dass man sich dann sehr, sehr traurig auf den Heimweg macht).

Das Ballet, die Musik, das Orchester, die Tänzerinnen und Tänzer – sie sind über jeden Zweifel erhaben.

Fazit: sehr gut, gerne wieder.

Lagerfeuer Kaffeemaschine

Eine Kaffeemaschine ist das Pendant zum Lagerfeuer der Weißen bei Karl May: Sie macht krach, ist von weitem zu hören und ein Gegner kann sich problemlos anschleichen.

Ureinwohner würden Filterkaffee machen, dessen Wasser sie langsam auf einem kleinen Feuer erhitzen und dann in den mit Kaffee bedeckten Filter gießen, um den Kaffee Tropfen für Tropfen in die Tasse fließen zu lassen. Leise. Kann sich niemand anschleichen.

Alltagsrassismus

Dazu hat Sami Omar im MiGazin einen sehr schönen Beitrag verfasst: “Was nach dem Berlin-Anschlag für mich als schwarzen Deutschen zu tun ist”

Einfach mal sacken lassen.

Ich kenne das schon. Ich ziehe mir etwas Anständiges an. Vielleicht sogar eine Krawatte. Das macht schon mal einen Unterschied. Auch wenn mein Deutsch tadellos ist, spreche ich sehr klar und etwas elaboriert zu den Leuten.[…]

Ich bin evangelisch, aber das will jetzt keiner hören. Aus welchem Land ich komme, wird jetzt wieder häufiger gefragt werden. Ich komme aus Baden-Württemberg, aber das wird als Scherz meinerseits eingestuft. ‘Ha, sehr gut. Aber ich meinte gebürtig!’ […]

Ich mache es ihnen und mir einfach. Ich kleide mich und spreche so, dass die Überschneidungsmenge unserer kulturellen Identitäten möglichst groß ist. […] Ich zeige schlicht: Ich habe viel mit Euch gemein. Das reicht schon. […]

Wenn der Sturm sich gelegt hat, gehe ich auch wieder ins Fitness-Studio. Im Moment ist das undenkbar. Ohne meinen Kaschmir-Mantel und meine Brille, hielten mich die Leute dort für einen Ausländer – das kann ich derzeit nicht riskieren.

Der Hass ist nicht neu. Für uns nicht.

Eine sehr schöne Rede von Mely Kiyak, die aufzeigt, dass der ganze Hass, die Menschenverachtung, die rassistische Grundhaltung, die immer offener geäußert werden, schon lange existieren und wir es uns nur geleistet haben, das zu ignorieren, weil wir nicht betroffen waren.

Rassistische Gewalt? Halt alles Einzelfälle. Hunderte davon.

Und Frau Kiyak hat Recht. Einfach mal durchlesen und drüber nachdenken.

Seit zehn Jahren schreibe ich ohne Unterbrechung jede Woche eine politische Kolumne. Für diese Kolumnen werde ich mit einer geradezu barocken Opulenz mit Ablehnung beschenkt. Es gibt Leser, die mich für diese Texte am liebsten umnieten würden.

[…] Ich spreche übrigens nicht von Online-Kommentaren, sondern von echten Briefen oder Emails. Woche für Woche hagelt es Empörung, Beschimpfung, Anzeigen, Drohungen. Selten handelt ein Brief davon, wovon ich schrieb; meistens davon, dass ich schrieb.

Und wer ganz schmerzfrei ist, kann gerne die Kommentare unter der Rede lesen, die genau diesen Mechanismus aufzeigen.

(Quelle: übermedien)

Vergiss nie, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt

Das Bildblog hat mir heute in den 6vor9-Nachrichten einen Eintrag von Sascha Pallenberg verlinkt. Der Eintrag ist ein sehr persönlicher Rant gegen Adblock Plus, inhaltlich kann ich wenig dazu sagen, vom Stil her schon sehr seltsam geschrieben.

Und beim Namen “Sascha Pallenberg” war doch was gewesen, kurz gegoogelt – stimmt, er hatte Frau Dingens von Twitter vertrieben (verkürzte, dramatische Darstellung). Nun hatte ich die Details nicht mehr im Kopf, und von der ganzen Fehde nur den Ausgang mitbekommen, also kurz gegoogelt, das Ganze war wohl sehr unerfreulich von allen Seiten.

Aber ich bin darüber auf einen interessanten Text des Gedankenreiters gestoßen: Vergiss nie, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt. Das ist eine sehr interessante Analyse der Situation mit dem Hinweis darauf, auch mal deeskalierend einzuwirken, nicht alles gewinnen zu wollen, sondern auch mal einfach diskutieren zu können. Fand ich sehr entspannend zu lesen.

[…] Heute, im Jahr 2014, ist das anders. Heute schlichten wir keinen Streit mehr, sondern gießen noch Öl ins Feuer, holen uns Popcorn dazu und genießen das, was kommt. Und wenn das nicht reicht, dann holen wir uns noch andere dazu, die ebenfalls Öl ins Feuer gießen.

[…]

Wie weit darf das „foppen“ denn gehen? Warum habe ich überhaupt das Bedürfnis, jemanden anderen zu foppen? So, wie @sascha_p es beschreibt, habe ich das Gefühl, @FrDingens nervt ihn und er will ihr eine Lektion erteilen. Etwas, das heutzutage viele zu motivieren scheint. Anderen eine Lektion zu erteilen. Sie zu belehren. Sie vorzuführen, um zu zeigen, wie schlecht sie sind.

Mit welchem Ziel eigentlich? […]

Der Artikel enthält interessante Gedanken, ja, ich deeskaliere auch ungern, evtl. muss man halt auch mal zurückfahren, selbst wenn man Recht hat. Insbesondere im Straßenverkehr ist das schwierig, insbesondere, wenn die eigene Gesundheit bedroht wird, aber oft möglich. Mal sehen. Wenn das der “Gegner” nicht dauernd als Schwäche und Eingeständnis einer eigenen Schuld interpretieren würde…

BTW, in den Kommentaren meldet sich auch Sascha Pallenberg zu Wort und macht einen unangenehmen Eindruck: Ich habe recht, alle anderen sind doof, ich kann zwar wenig Argumente dafür finden, die auch noch mies sind, aber habe trotzdem recht.

Wollen wir hoffen, dass er diesen Eintrag nicht findet…

(Quelle: Gedankenreiter, via bildblog)

PS: eigentlich wollte ich schreiben, “Wollen wir hoffen, dass er diesen Eintrag nicht findet, der alte Wichser…”, als “humorvolle” Anspielung auf seinen fapping-Tweet, aber genau das wäre eine unangenehm persönliche Eskalation gewesen, die sich leicht vermeiden lässt. Darum geht es im Artikel des Gedankenreiters. Glaube ich.